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Harish Johari

„People in the West sleep too much and laugh too little.“

Dada

Harish JohariAls Harish Johari zum ersten Mal in San Francisco ankam, wuchsen dort noch Menschen aus dem Boden. Nicht ganz so wie Weizen oder Cannabis. Aber doch so ähnlich. Zumindest sah es so aus, wenn sie mit der Rolltreppe die Ankunftsebene des Flughafens erreichten.

Für Harish Johari eine ebenso denkwürdige wie bemerkenswerte  Erfahrung. Und das war erst der Anfang.  Vor dem Studenten  der Philosophie aus der nordindischen Kleinstadt Bareily öffnete sich eine neue Welt. Eine Welt, wie sie bizarrer und fremdartiger nicht sein konnte.

Die Welt der Hippies in San Francisco und die Welt der Psychedeliker in Berkeley. Mädchen in Blumenkleidern und Jungs mit langen Haaren. Parties und Demonstrationen. Und er mittendrin. Er erzählte von Tantra, der indischen Lehre der Energie. Und von Massage. Und von Musik. Er erzählte von Indien. Und die ihn hörten, begannen von Indien zu träumen.

Richard Alpert, der einige Jahre vorher zusammen mit Timothy Leary das bahnbrechende Buch „The Psychedelic Experience“ geschrieben hatte, bat ihn, mit nach Indien reisen zu dürfen. Harish Johari führte ihn zu Nim Karoli Baba. Richard Alpert blieb in Indien bei dem berühmten Sadhu und wurde „Baba Ramdas“.

Zurück in Kalifornien wurde Harish Johari für viele die Verkörperung ihrer romantischen Träume von Indien. Er wurde „Dada“, was eigentlich nichts weiter bedeutet als „älterer Bruder“. Sicher, eine ehrenvolle Bezeichnung. Doch sie sahen darin noch etwas anderes.  Den geheimnisvollen Namen, vielleicht auch den Titel, eines Gurus. Sie verstanden ihn als ihren „Guru“. Sie verstanden ihn falsch.  Dada wollte nie einer jener Inder werden, die im Westen als „Gurus“, als Meister  oder Magier massenhaft  verehrt werden. Dada wollte überhaupt nichts im Westen werden. Auch dort blieb er immer, was er in Indien war: ein gelehrter Mann, der sein Wissen gern weitergibt.

Dada war ein Lehrer. Ein Lehrer im eigentlichen Sinne des Wortes. Kein Pauker und kein Pädagoge . Vielmehr ein Mensch, der in der Lage ist, bei einem anderen etwas auszulösen. Einen Gedanken oder ein Lachen, ein Gefühl oder ein Talent,  jedenfalls  eine Erkenntnis von sich selbst und der Welt.

Als  ich Dada erstmals in München traf, empfing mich ein unglaublich entspannter und vergnügter Mensch. Ich trat ihm eher skeptisch gegenüber, alles andere als auf der Suche nach einem Guru. Das war ihm deutlicher als mir selbst. Aber es störte ihn nicht. Er fragte mich einfach nach meinem Geburtstag.  Der sechzehnte August.  Die Quersumme von 16 ist 7. Und dann erzählte er von der Bedeutung der 7 in der indischen Numerologie. Wir waren im Gespräch. Und das hörte nicht mehr auf, wann und wo wir uns auch begegneten.

Ich habe danach oft erlebt, wie Dada mit diesem  kleinen Trick ein Gespräch begann. Um das Eis zu brechen, um gleich zum Wesentlichen zu kommen, um ein Lachen auszulösen, um keine Zeit zu verschwenden.  Zum Ende unseres ersten Gespräches, inzwischen stand fest, daß wir ihn zur nächsten Kumbh Mela in Indien besuchen würden, kam Dada noch einmal auf die 7 zurück. „Sie steht für Phantasie und Kreativität“, sagte er. Und dann: „People like you, create their own Religion.“

Das war mir damals unvorstellbar. Geprägt von Marx und Rock’n Roll, beeindruckt von Sarte und Brecht, war mir allein der Gedanke an Religion fremd. An  Religion, wie ich sie verstand. Erst viel später sagte mir Dada, daß Religion nichts mit Glauben zu tun hat, sondern mit Erfahrung. Mit Erfahrungen, die wir vielleicht nur schwer auf den Begriff bringen können, die aber deswegen  nicht weniger wirklich sind.

Solche Erfahrungen machte ich bei der Kumbh Mela. Und Dada brachte mich dazu. Indem er uns zu Sadhus begleitete, wie dem altehrwürdigen Deoraha Baba oder dem beeindruckenden Pilot Baba, indem er uns allein auf den Weg durch die endlosen Camps entlang der Ganga schickte, indem er uns Geschichten von den „Nackten Weisen“ erzählte oder indem wir einfach zusammen saßen. Stundenlang.  Zusammen auch mit Baba Dwarka Das, der sich während der Kumbh in Dadas  Haus aufhielt.

Stundenlang saßen wir vor dem Haus. Im Schein des Feuers. Die Frauen im Haus lasen das Ramayana vor. Die Männer saßen draußen. Im Schein des Feuers. Immer wieder beobachtete ich  Dada und Babaji. Wie sie miteinander sprachen und lachten . Und Baba spielte mit seinen Füßen. Mit diesen unglaublich weichen Füßen eines kleinen Kindes. Mit seinen nackten Füßen, auf denen er jahrelang durch Indien gewandert war. Und dann lachte er. Und ich konnte nicht anders als mit ihnen zu lachen. Dada brauchte keinen Scherz zu übersetzen. Wir verstanden uns. Und lachten.

Diese Lachen war ein Kern seiner Lehre. Was auch immer Dir begegnet, empfange es freudig und freundlich. Was auch immer Dir Sorgen oder Angst macht, denke daran, daß Du es bist, der sich sorgt oder ängstigt. Wenn Du darüber lachen kannst, sind Sorgen und Angst nur noch ein Witz. Die ganze Welt findet in Dir statt, in Deinem Mind, oder in Deinem Ego. Nur wenn es Dir gelingt, Deine Abhängigkeit von beiden zu überwinden, kannst Du souverän mit der Welt und Dir selbst umgehen. Nur so kannst Du befreit lachen. Erfahren, was Freiheit wirklich ist.

In den ersten Jahren meiner Bekanntschaft mit Dada hatte ich oft das Gefühl, überhaupt nichts wichtiges zu lernen. Wir saßen zusammen, redeten und rauchten, schwiegen und lachten miteinander. Doch er hielt mir niemals Vorträge, stellte mir keine offensichtlichen Aufgaben. Solange bis ich begriff, daß es an mir war, zu fragen. Und sofort bekam ich eine Antwort auf meine Frage. Nicht mehr und nicht weniger.  Keine Ausflüchte und keine Dogmen. Einfache und klare Antworten. Antworten, die ich verstehen konnte. Manchmal bestanden sie in einer Geschichte, dann in einem Witz, in einer Auskunft oder auch nur in einem Brummen. Er benutzte alles, um mich selbst zum Nachdenken zu bringen. So hatte ich oft das Gefühl,  mir allein einen Reim auf das Erlebte machen zu müssen.

Erst später verstand ich, daß es genau das war, was er wollte. Er entzündete eine Flamme, Sie zu nähren, war meine Aufgabe.  Wenn ich nicht weiter wußte, war er immer da, um mir zu helfen.  Darum ging es: Finde Deine eigene  Wahrheit. Übernimm nicht einfach eine andere. Nur wenn Du selbst sie als Wahrheit erfahren hast, wirst Du auch in der Lage sein, sie als solche zu erkennen. Der Hinweis auf solche  Wahrheiten, der Kern einer Lehre, war in jeder Geschichte , in jedem Witz Dadas verborgen. Er wollte, daß ich sie selbst entdecke.  Keine Vorschriften, keine Gesetze. Ein Spiel, und damit verbunden eine Chance. „If you want to play that game, then play it right.“

Dada hat mir viele Spiele gezeigt. Zuerst Lila, das kosmische Spiel, die Grundlage unseres Daseins. Und dann immer neue Spiele. Das Money-Game und das Mind-Game, das Spiel der Meditation und das Spiel der Sadhus. Und immer kam es darauf an, den Kern zu entdecken.  Zu erfahren und zu verstehen, daß es ein Spiel ist, eines von unendlich vielen, möglichen Spielen, ein weiterer Aspekt, des einen kosmischen Spiels des Lebens.

Am 20 August 1999 hat Dada seinen Körper verlassen. Aufrecht, bewusst und mutig. Auch darin ein Lehrer. Und für alle, die das Glück hatten, ihn zu kennen, noch viel mehr: Dada, unser älterer Bruder, ein Mensch, der uns dazu brachte, das kosmische Spiel in der Welt und in uns selbst zu entdecken.  Danke Dada.

Text Ossi Urchs